Die Frauen der Familie Ftenoudos
von Lily Zografou

Die Tage und Nächte vergingen so langsam, als stünde die Zeit still in dem verfallenen Haus. Freudlose Jahre, ohne Unterschied, steinerne Jahre, in denen sie an ihren verblichenen Erinnerungen hingen. Sie zählten diese Jahre noch nicht einmal mehr. Nur Ergini ging auf dem Feld ein und aus, und außer dem eintönigen tak-tak vom Webstuhl der schweigsamen Aspasia war kein Laut zu hören. Auch wenn sie am Webstuhl saß, trug Aspasia immer einen Gürtel, von dem ein Schlüsselbund mit kleinen und einigen riesigen Schlüsseln hing, für die es im ganzen Haus keine passenden Schlüssellöcher gab. Sogar einen Koffer hatte Aspasia, in dem sie ihre Webarbeiten aufbewahrte und eine alte Kommode in der Stube, in der sie alte Süßigkeiten verschlossen hielt - seltene Geschenke, gammelige Pralinen, süßes Gebäck vom Vorjahr, das von unten angeschimmelt war. Doch die eigentliche Zeremonie spielte bei den seltenen Gelegenheiten ab, zu denen Besuch kam. Ergini stand aufrecht schräg hinter Aspasias Stuhl, bis sie fragte: „Schwester Aspasia, soll ich das Tablett bringen?“ Aspasia nickte dann zustimmend, und Ergini ging hinaus und kam mit einem kleinen Tablett zurück, auf das gerade ein Glas Wasser und ein kleiner Glasteller passten. Der kleine Glasteller war leer. „Schwester Aspasia, werden Sie nun servieren?“ Daraufhin stand Aspasia auf und ging mit kleinen Schritten – wie in einer Theaterszene – langsam auf die alte Kommode zu, schloß die mittlere Schublade auf und holte mit eleganten Bewegungen ein schimmeliges Gebäckstück heraus, das sie dann auf den leeren Teller legte. Niemand wagte jemals, die durch und durch grünliche Süßigkeit zu verschmähen. Ganz im Gegenteil, sie aßen es alle auf. Und Aspasia beobachtete ihre Besucher dabei mit königlicher Herablassung und lächelte leicht.

.........

Gelangweilt öffnete Konstantinou den Brief mit dem Poststempel von Karpenissi. Amalia war nicht die einzige Provinzlerin, die ihn mit Liebesbriefen bombardierte. Ähnliche Briefe erhielt er aus ganz Griechenland. Er kannte diese ganz und gar gelangweilten Frauen nur zu gut, die an der Seite eines Ehemannes lebten, der ihnen nicht mehr bedeutete als ihre Kochtöpfe. Abgesehen davon, dass es ihm gefiel, bewundert zu werden, fühlte er zärtliches Mitleid für all diese kleinen Frauchen mit ihren geistigen Ergüssen. Er notierte im Kalender auf seinem Schreibtisch an ihrem Ankunftstag „Karpenissi“ und vergaß die Sache dann. Am 11. Mai sagte er zum Portier seiner Abteilung:  „Thanassis, heute kommt eine Dame, die Du nicht kennst und ich eigentlich auch nicht, hilf ihr bitte, mein Büro zu finden.“ Und dabei kniff er ihm ein Auge zu. „Sie können ganz beruhigt sein, Herr Georgos.“ Konstantinou ging zur Toilette und besah sich den wunderbaren Scheitel seines vollen, glatten Haares. „Meine gute Dame“, murmelte er vor sich hin und schaute in den Spiegel, „wir sind zwar leider in die Jahre gekommen, aber Ihre betrübliche Langeweile beziehungsweise Ihre langweilige Betrübnis mit einer guten Nummer zu befriedigen, das schaffen wir gerade noch.... natürlich garantiert uns dieses wohl kantige Gesicht nicht, dass sie entzückt sein werden, aber ein anderes haben wir nun einmal nicht.“

Er kehrte in sein Büro zurück, und gegen halb fünf klopfte der Portier bedeutungsvoll an seine Tür, öffnete sie und ließ eine Frau eintreten. Die Frau machte zwei Schritte und blieb wie angewurzelt stehen, als sie ihn sah. Konstantinou erkannte mit einem Blick die vertrocknete Provinzlerin in ihr. So sahen sie aus, mit ihren steifen Löckchen, die Tage alt waren und die keiner beim Liebemachen zerdrückt hatte, dem giftgrünen Kleid, dem altmodischen Täschchen und den Lacklederstiefeln. Er stand auf und knöpfte sein Jackett zu. Dann verneigte er sich vor ihr, als sei sie eine Prinzessin. Er küßte ihre kalte, zitternde Hand und bemerkte an der Art wie sich der Puder auf ihrer Haut plusterte, wie aufgeregt sie war. Er sah, wie bleich sie war und sagte: „Setzen Sie sich bitte!“ Er nahm gegenüber Platz. Amalia zitterte am ganzen Körper vor lauter verworrenen Eindrücken. Dieser Mann, der für sie bisher nur auf dem Papier existiert hatte, erstaunte sie mit der Männlichkeit, die er ausströmte während seine Erregung - so erzählte er es seinen Freunden - zusehends wuchs. ‚Sie schulden dir nichts, die armen Dinger, die ihre Hoffnung von so weit her tragen, um kräftig rangenommen zu werden, du schuldest es ihnen, den Traum zu verwirklichen, wovon sie für den Rest ihres Lebens zehren werden.‘

„Ich hoffe“, sagte er ihr die Floskel, „dass Sie unsere persönliche Begegnung nicht enttäuscht.“

„Sie scherzen sicherlich“, rief Amalia empört. „Es ist wohl eher so, dass ich zum ersten Mal an meinem Ego zweifle, muss ich gestehen.“

„Sie! Eine derart schöne Frau... Entschuldigen Sie, Frau oder Fräulein?“

„Frau. Ich begleite meinen Gatten, der gestern an seiner Prostata operiert wurde.“, sagte sie ganz unschuldig.

„Ach, der Arme! Die Zeit, sehen Sie, die Zeit ist so unerbittlich ... und Sie so jung...“

„Ja, ich werde oft für seine Tochter gehalten.“

„Das tut mir leid, meine Gute. Wie war noch Ihr Name?“

„Amalia.“

„Ach, natürlich. Ich bin auch aufgeregt, Sie sind solch eine beeindruckende Erscheinung. Leider ist das Büro einer Zeitung nicht für tiefschürfende Gespräche geeignet, wie Sie sehen. Vielleicht könnten wir uns ja übermorgen zu einem schönen Spaziergang treffen?“

„Ach nein, das geht nur morgen. Übermorgen wird mein Mann entlassen und wir fahren wieder nach Karpenissi zurück.“

„Abgemacht!“

„Aber früh, so wie heute.“

„Ganz früh, wir gehen irgendwohin, wo man den Sonnenuntergang sehen kann. Darf ich Sie erwarten?“, fragte er mit offenkundiger Ungeduld. Amalia stand auf. „Das schwöre ich Ihnen,“ sagte sie, „und wenn ich nie wieder in meinem Leben einen Sonnenuntergang werde.“ Konstantinou ging auf sie zu, und während es den Anschein hatte, er wolle seine Hand auf die Türklinke legen, umfing er ihre Taille. „Ein Kuß, um unsere Abmachung zu besiegeln.“, sagte er und küßte sie leidenschaftlich auf den Mund. „Aber was tun Sie da, Herr Konstantinou!“, rief Amalia, während er ihr mit der anderen Hand an die Brust fasste, die voll war, genauso wie es ihm gefiel. „Ich verglühe, Herr Konstantinou, mein Gott!“

Er ließ von ihr ab und öffnete die Tür. „Also, morgen um fünf hier draußen am Kolokotroni-Platz.“

Das Morgen läßt immer auf sich warten, wenn man aus Karpenissi kommt und es kommt plötzlich, wenn man nicht hungrig ist. Er fuhr mit ihr zu den offenen Separees in Metz, wo man Bifteki mit Bier bestellen muß und die Pommes kalt und das Bier warm serviert werden. Man tut so, als esse man und sucht nach einem Gesprächsthema. Glücklicherweise machte sie den Anfang: „Es ist das erste Mal, dass ich meinem Mann etwas verheimliche, und ich hatte gestern abend ein richtig schlechtes Gewissen.“

„Ein schlechtes Gewissen? Aber Liebende sollten kein schlechtes Gewissen habe, meine Liebste.“, und er küsste sie. Heute war ihr Mund nicht kalt, im Gegenteil, sie begegnete seinem Kuß leidenschaftlich und ließ es zu, dass sich seine Hand in ihr Dekolleté schob, um sich im Nachhinein darüber zu beschweren. „Was tun Sie denn da?“

„Ich genieße die Schönheit der Aphrodite.“ Amalia schob seine Hand von ihrer Brust weg und er versuchte eiligst, sie zwischen ihre Schenkel zu schieben. „Nein, das lasse ich niemals zu!“, sagte sie und schubste seine Hand weg.

„Meine Schöne, ich bin nicht Schuld! Sie führen ja zehn Heilige auf einmal in Versuchung.“

„Sehen Sie nur, Herr Konstantinou, wie rot der Himmel geworden ist! Was für ein Sonnenuntergang...“, aber sie schaffte es wieder nicht, den Satz zu Ende zu sprechen, weil er ihren Mund erneut mit seinem verschloss. Er atmete auf, denn je später es wurde, desto erregter erwiderte sie seine Küsse. Er schob seine Hand wieder zwischen ihre Schenkel. Die Strapse, die er fühlte, erregten ihn, aber sie schob seine Hand wieder mit Nachdruck zurück. Konstantinou war erbost. Er schaute sie an, und sie erwiderte seinen Blick voll Verlangen. Jetzt gehen wir zum Angriff über, dachte er und umarmte sie. Der obere Teil ihres Körpers gab sich seinen Zärtlichkeiten hin. „Ich verglühe, ich verglühe“, flüsterte sie zwischen den Küssen. Er legte seine Hand auf ihr pummeliges Knie, aber sobald er versuchte, unter ihren Rock zu gelangen, verkrampfte sie sich völlig. „Das ist ausgeschlossen!“

Konstantinou war es leid. „Wir sind alle schwach gegenüber der Schönheit.“, sagte er unbestimmt. Er rückte seine Krawatte zurecht, strich sich die glänzenden Haare glatt und rief nach der Rechnung. Amalia sah ihn von der Seite an. Ihr war klar, dass er es nicht noch einmal versuchen würde und tatsächlich aufgegeben hatte. Und dann sagte sie leise, aber klar und deutlich: „... es sei denn, Sie vergewaltigen mich.“ Konstantinou sprang lächelnd auf. „Dich vergewaltigen, meine Liebe? Es wird mir ein Vergnügen sein!“ Er griff sie sich, riss ihr den Rock hoch, setzte sie auf seine Knie und drang mit einigen Schwierigkeiten in sie ein. Ein tiefer Seufzer entwich ihr und sie lehnte ihren Kopf an seine Schulter. Als er sie so sanft wie möglich nahm und auf ihren Stuhl setzte, war sie halb bewusstlos, und er sah, dass sein Hemd an einer Ecke blutig war. Er hob ein wenig ihren Rock an. Auch ihr Unterrock war blutig. Schnell zog er ein Taschentuch heraus, tauchte es in das Bier und wischte sich ab.

„Amalia! Amalia, so heißt Du doch, oder? Hast Du Deine Tage?“ Endlich öffnete sie ihre Augen, sah ihn an und antwortete mit fester Stimme: „Natürlich nicht.“

„Soll das, um Gottes Willen, etwa heißen, dass ich Dich entjungfert habe?“

„Ja.“

„Und wie lange bist Du verheiratet?“

„Fünf Jahre.

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